Die Frage und Suche nach der Bedeutung des Hohenliedes bewegt jüdische und christliche Auslegung schon lang und intensiv, insbesondere die Frage, ob es als rein menschliche Liebeslyrik oder im allegorischen und theologischen Sinne verstanden werden sollte. In der aktuellen Ausgabe des Theologischen Gesprächs bringt Deborah Storek, Professorin für Altes Testament an der Theologischen Hochschule Elstal, das Verständnis der modernen Bibelwissenschaft ins Gespräch mit rabbinischen und mittelalterlichen jüdischen Auslegungen des Hohenliedes.
Diese verstehen das Hohelied als vielstimmige und gegenwartsrelevante Schrift, und zwar aus theologischer und hermeneutischer Überzeugung. Darauf aufbauend plädiert Storek für einen gegenwärtigen Umgang mit dem Hohenlied (und der Bibel überhaupt), der die Suche nach dem ersten und ursprünglichen Sinn der Texte mit der Suche nach einem gegenwartsbezogenen Sinn verbindet, nicht zuletzt im Gespräch mit kanonischen sowie rezeptionsästhetischen Ansätzen.
Ein ganz anderes Lied steht im Mittelpunkt der theologischen und hymnologischen Aufmerksamkeit Günter Balders', des langjährigen Dozenten für Kirchengeschichte am Theologischen Seminar des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Hamburg und Elstal. Anlässlich des 200. Ge-burtstages des Dichters Cornelius Friedrich Adolf Krummacher, der am 18. Juni 1824 geboren wurde, legt Balders die Entstehungs-, Entwicklungs- und Rezeptionsgeschichte des berühmten Liedes Stern, auf den ich schaue dar. Dabei beleuchtet er die vielfältigen inhaltlichen sowie musikalischen Bezüge des Liedes zu geistlichem sowie säkularem Liedgut sowie zur zeitgenössischen Frömmigkeit, und nicht zuletzt zu den biblischen Texten. Der Beitrag gewährt einen besonderen Einblick in den Erfahrungsreichtum und die jahrzehntelange Forschungstätigkeit des vielleicht profiliertesten zeitgenössischen freikirchlichen Hymnologen und Liederdichters Günter Balders.
Und auch die Predigtwerkstatt widmet sich geistlichem Liedgut. Uwe Swarat, ehemals Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal, predigt über das Lied Herr, lass deine Wahrheit und gibt darin theologische und geistliche Einblicke in die Entstehungsgeschichte sowie in die Hintergründe und Motive des Liedes; und Arndt Schnepper, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach, bespricht die Predigt mit Feinsinn.
Ergänzt wird dieses Heft durch eine spannende und hochaktuelle Dokumentation: Michael Schroths kirchentheoretische Skizze einer digitalen Gemeinde regt zum Nachdenken darüber an, wo Chancen und Grenzen digitaler Gemeinde liegen. Den Leserinnen und Lesern des Heftes wünsche ich eine wohltuende und erkenntnisreiche Lektüre dieses vielstimmigen Heftes.
Maximilian Zimmermann (Schriftleitung)
Summaries
Deborah Storek: So! Oder auch anders? Jüdische Auslegungen des Hohenlieds und die Vielstimmigkeit der Schrift: Queries about and the search for the meaning of the Song of Solomon have motivated Jewish and Christian exposition intensively for a long time, in particular whether it should be understood as a piece of purely human romantic lyric poetry, or rather in an allegorical and theological sense. The author proceeds from the insights of modern bible studies that predominately interpret the Song of Solomon as a collection of poems about human love and eroticism. Against this view, the author shows that both rabbinical as well as mediaeval Jewish exposition understand the Song of Solomon as having many voices on the one hand, and as theological literature that is also contemporarily relevant – and this from theological and hermeneutical conviction. Building on this premise, she argues for a present-day dealing with the Song of Solomon and with the bible generally, which combines the search for the original meaning of the texts with that of a theological and contemporary sense, not least in the conversation with the canonical and reader response approaches.
Günter Balders: "Stern, auf den ich schaue": In celebration of the 200th anniversary of the birth of the poet Cornelius Friedrich Adolf Krummacher, who was born on June 18, 1824, the long-term lecturer in church history at the Theological Seminary of the German Union of Evangelical Free Churches in Hamburg and Elstal, hymnologist and song writer Günter Balders presents the history of the origins, development and reception of the well-known hymn “Star above we gaze on” (Stern, auf den ich schaue). In doing so, he illuminates the manifold aspects regarding the content and music relating to spiritual and secular collections of songs, as well as to the piety of the period and, last but not least, to the biblical texts.