Werden Religion und Glaube mehr von unseren Gefühlen gesteuert als von unserem Denken? Diese Frage drängt sich auf, wenn man die aktuellen Geschehnisse in unserer Welt wahrnimmt. Die theologische Selbstreflexion spielt in vielen Religionen eine untergeordnete Rolle. Man spielt auf der Gefühlsklaviatur der Menschen, um mit Hilfe ihrer Religiosität etwas zu erreichen. Von daher ist es dringend geboten, dass sich das theologische Nachdenken mit dem Verhältnis von Glaube und Gefühl beschäftigt.

Dieser Aufgabe will die vorliegende Ausgabe des THEOLOGISCHEN GESPRÄCH wenigstens ansatzweise nachkommen, indem sie das Thema theologiegeschichtlich verfolgt und dann auch praktisch-theologisch nach dem Umgang mit Aggressionen fragt. Ziel einer solchen Auseinandersetzung ist es, dass das menschliche Leben und Glaubensleben in seiner Individualität und im gemeinschaftlichen Miteinander besser gelingt.

So erhellt Prof. Dr. THORSTEN DIETZ, Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor und Privatdozent im Fachbereich Evangelische Theologie an der Universität Marburg, die Thematik mit seinem Aufsatz zur Bedeutung religiöser Gefühle bei Martin Luther, Friedrich Schleiermacher, Jonathan Edwards und Clive Staple Lewis. Mit seinen Ausführungen will er der Tendenz der theologischen Bagatellisierung des Gefühlsthemas entgegentreten.

JENS MANKEL, Pastor im Bund Freier evangelischer Gemeinden, Referent für Seelsorge und Psychologie an der Evangelisch-Freikirchlichen Akademie Elstal und Gestalttherapeut mit Praxis in Köln-Mühlheim, stellt im zweiten Aufsatz die gestalttherapeutisch vertretene These auf, dass Aggressionen nicht nur ein negativer, sondern auch ein konstruktiv-lebensfördernder Faktor ist, wobei Letzteres nur unter bestimmten Bedingungen gilt, auf die man als Seelsorger achten sollte.

In dieser Gesamtthematik fügt sich die Predigt über Vergebung und Heilung nach Markus 2,1-12 von Prof. Dr. UWE SWARAT, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal, ein. Respektvoll und weiterführend wird die Predigt kommentiert von Dr. JOHANNES DEMANDT, von 1991 bis 2004 Dozent für Systematische Theologie am (damals noch sogenannten) Theologischen Seminar Ewersbach, heute Pastor im Ruhestand.

Mit diesen Beiträgen will das THEOLOGISCHE GESPRÄCH ermutigen, sich am interdisziplinären Diskurs über einen angemessenen Umgang mit menschlichen Gefühlen im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben zu beteiligen.

Michael Kißkalt (Schriftleitung)

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