Von Anfang an war der christliche Glaube ständigen Wandlungen ausgesetzt. Dabei war es ihm geschenkt, dass das gemeinsame Wesentliche trotz machen Wandels beständig erhalten blieb. Diese Entwicklung zwischen Beständigkeit und Wandel dauert bis heute an. Jede Generation in jeder Kultur muss sich das Evangelium neu aneignen.

Natürlich bleiben Christen dabei im Gespräch mit den Glaubensvätern und –müttern und mit Glaubensgeschwistern in anderen Kontexten; aber die Inkulturation des Evangeliums ist immer Aufgabe der jeweiligen Glaubensgemeinschaft. In dieser Ausgabe des THEOLOGISCHEN GESPRÄCHS werden drei Weisen vorgestellt, wie das Evangelium in verschiedenen Kontexten zum Ausdruck kommt.

In den beiden Aufsätzen spiegeln sich sehr unterschiedlich geprägte Inkulturationsversuche wider: Der Beitrag von WARREN KAY, Professor für Systematische Theologie am Merrimack College in North Andover/Massachusetts, verbindet christliche Spiritualität mit dem Sport, insbesondere mit dem Dauerlauf. Seine These entstammt auch dem eigenen Erleben, dass nämlich das eher spielerisch als mit verbissenen Ehrgeiz praktizierte Laufen zu einem Ort für besondere Gotteserfahrungen werden kann: Der Lauf wird so zum Heiligtum, zum Ort der Gottesbegegnung. Wir sind für diesen Beitrag in zweifacher Hinsicht dankbar, denn erstens geben wir auf diese Weise auch mal einem US-Theologen eine Stimme im THEOLOGISCHEN GESPRÄCH und zweitens berühren wir damit erstmals das Thema Glaube und Sport.

In die östliche Himmelsrichtung, nach Georgien, entführt uns der Artikel von ILIA OSEPHASCHVILI, einem von vier Bischöfen der bewusst kontextuell und ökumenisch umstrukturierten Baptistenunion in Georgien. Der Autor stellt dar, wie sich die baptistisch geprägten Christen in seinem Land in den letzten Jahren auf die georgisch-orthodoxe Kultur zubewegen, indem sie z.B. Bischöfe gewählt haben, diese entsprechend kleiden, oder auch ikonenartige Bilder in ihrer Spiritualität einsetzten, ohne diese als Ikonen zu verehren. Bei aller Anpassung an die georgische Kultur wollen sie ihr spezifisch baptistisches Erbe bewahren. Der Aufsatz des georgischen Baptistenbischofs gibt einen guten Einblick in die Herausforderung, Kirche kontextuell zu entwickeln: in der Spannung zwischen konfessionell gewachsener Identität einerseits und Anpassung an die Gewohnheiten und Grundbedürfnisse der Menschen andererseits.

In einen dritten Kontext führt uns in der Predigtwerkstatt die Dialogpredigt von Pastor FRIEDRICH SCHNEIDER und seiner Tochter CHARLOTTE FEHMER. Die Predigt wurde gehalten anlässlich des Festaktes zum 40-hährigen Jubiläum von „Dienste in Israel“. Entstanden als Versöhnungsdienst nach dem Holocaust, engagieren sich in dieser Organisation seit vielen Jahren junge Leute im Dienst für ältere und behinderte Menschen in Israel. Charlotte Fehmer hat selbst als Volontärin dieser Organisation in Israel gearbeitet. Anhand der lukanischen Geschichte vom Barmherzigen Samariter wird das deutsch-israelische Verhältnis in den Blick genommen und die Notwendigkeit des barmherzigen Handelns aufgezeigt. Pastor SIEGMAR MÜLLER aus Aachen zeichnet die Grundlinien der Predigt nach und zeigt deren Stärken und Schwächen auf.

Dass die Lektüre des Heftes Freude macht und zum theologischen Weiterdenken ermutigt, wünsche ich den Leserinnen und Lesern von Herzen.

Michael Kißkalt (Schriftleitung)

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