Hat „Geschichte“ ausschließlich den Klang von Vergangenheit oder schwingt bereits die Suche nach einer veränderten Perspektive für die Gegenwart mit? Mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs könnte man meinen, diese einschneidende Phase der deutschen und europäischen Geschichte sei aufgearbeitet: Für baptistische Geschichtsschreibung gilt das kaum.

ROLAND FLEISCHER hat sich in jahrelanger Forschungstätigkeit auf die Spurensuche nach Judenchristen in Baptistengemeinden gemacht und ist fündig geworden. Der Ruhestandspastor aus Hamburg hat mit Akribie und Umsicht danach gefragt, wie Baptistengemeinden mit ihren judenchristlichen Mitgliedern umgegangen sind. Erste Ergebnisse und Analysen seiner Forschungsarbeit werden in dieser Ausgabe veröffentlicht. Ergänzend finden sich auf der Internetseite des THEOLOGISCHEN GESPRÄCHS unter www.theologisches-gespraech.de einzelne Biogramme zu judenchristlichen Mitgliedern, die zu umfangsreich für die Möglichkeiten dieser Zeitschrift sind, die wir aber gerne in dieser Form zur Verfügung stellen. Es ist anzunehmen, dass es noch mehr Menschen jüdischer Herkunft in Baptistengemeinden in der Zeit des Nationalsozialismus gab und daher ist damit zu hoffen, dass die Rezeption dieses Beitrags weitere Spurensuche ermöglicht, um diesen Menschen gedenken zu können.

Der Dozent für Kirchengeschichte an der Theologischen Hochschule Ewersbach, Dr. ANDREAS HEISER, stellt in seinem Beitrag fünf Modelle vor, die hinter der bisherigen Geschichtsschreibung über die Vergangenheit der Freien evangelischen Gemeinden standen. Mit seinem Beitrag entwickelt er hilfreiche Kriterien, woran sich Geschichtsschreibung messen lassen sollte und wie zukünftig ein Weg zur Aufarbeitung und Darstellung von (freikirchlicher) Geschichte aussehen müsste.

Die Predigtwerkstatt präsentiert nach dem Urteil des Predigtkommentators DIRK SAGER eine „spannende und mutige“ Predigt der Pastorin FREDERIKE MEIßNER, welche sich besonders mit Lea in Gen 29-30 beschäftigt. Frederike Meißner ist eine der ersten Pastorinnen im Bund Freier evangelischer Gemeinden. Dirk Sager ist Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Varel und wurde mit einer alttestamentlichen Dissertation in Marburg zum Dr. theol. promoviert.

Dankbar sind wir dem Verlag, dass diese Ausgabe im Umfang um vier Seiten erweitert werden konnte, so dass der längere Beitrag zum Umgang mit Judenchristen nicht zu sehr gekürzt werden musste. Rezensionen werden in der nächsten Ausgabe wieder Platz finden. Der Themenschwerpunkt der nächsten Ausgabe liegt im Bereich von Prophetischer Sozialkritik und diakoniewissenschaftlicher Forschung.

Dr. Michael Rohde (Schriftleitung)

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